Nixe Nele schwimmt in den Hafen
von Trutz StählerPapa aus Hamburg · schreibt Kinderbücher
- 🎯 ab 5 Jahren
- 🕔 ca. 7 Minuten Vorlesedauer
Darum geht’s
Die kleine Meerjungfrau Nele will wissen, wohin die großen Schiffe fahren. Also schwimmt sie von der Nordsee die Elbe hinauf – bis mitten in den Hamburger Hafen.
Weit draußen in der Nordsee, da, wo das Wasser grün und grau und manchmal ein bisschen silbern ist, wohnt eine kleine Meerjungfrau. Sie heißt Nele.
Nele hat lange Haare, in denen immer ein bisschen Seetang hängt, und eine Schwanzflosse mit glitzernden Schuppen. Wenn sie schnell schwimmt, sieht es aus, als würde ein Regenbogen durchs Wasser flitzen.
Neles Lieblingsplatz ist eine alte Muschelbank. Von dort kann sie die großen Schiffe sehen, die oben über das Wasser fahren. Riesige Schiffe mit bunten Kisten darauf, rot, blau, grün und gelb – so hoch gestapelt wie Bauklötze.
„Wohin fahren die nur alle?“, fragt Nele jeden Tag.
„Nach Hamburg“, sagt ihre Oma, die alte Nixe Hedda, und kämmt sich mit einer Fischgräte die Haare. „Die Elbe hinauf, bis in den Hafen.“
„Was ist ein Hafen?“
„Ein Ort, an dem Schiffe nach Hause kommen“, sagt Oma Hedda. „Mit Kränen so groß wie Giraffen. Mit Lichtern, die nachts funkeln. Und mit Möwen, die alles besser wissen.“
Von da an kann Nele an nichts anderes mehr denken. Ein Ort, an dem Schiffe nach Hause kommen! Den will sie sehen.
Eines Morgens packt sie ihre Muscheltasche: drei glatte Steine, ein Stück Bernstein und einen getrockneten Seestern als Glücksbringer. Dann gibt sie Oma Hedda einen Kuss auf die Wange.
„Ich bin vor dem Abend zurück“, verspricht sie.
„Schwimm immer flussaufwärts, wo das Wasser süßer schmeckt“, sagt Oma Hedda. „Und halte Abstand von den großen Schiffsschrauben.“
Und los geht es. Nele schwimmt in die Elbe hinein. Das Wasser wird erst ein bisschen braun, dann ein bisschen trüber, und es schmeckt nicht mehr so salzig. Sie schwimmt vorbei an Sandbänken, auf denen Seehunde in der Sonne dösen.
„Wohin so eilig, Kleine?“, brummt ein dicker Seehund und kratzt sich mit der Flosse am Bauch.
„In den Hamburger Hafen!“, ruft Nele.
„Puh, weit“, sagt der Seehund und gähnt. „Viel zu weit für mich. Ich bleib hier liegen.“
Nele schwimmt weiter. Vorbei an Leuchttürmen, an grünen Deichen mit Schafen darauf, an kleinen Häfen mit Segelbooten. Ein Schiff fährt über sie hinweg und macht „Tuuuut!“, so laut, dass Nele vor Schreck einen Purzelbaum im Wasser schlägt.
Ein Schwarm kleiner Stinte flitzt an ihr vorbei. „Wo wollt ihr hin?“, ruft Nele. „Nirgendwohin!“, rufen die Stinte im Chor. „Wir schwimmen nur gern im Kreis!“ Und schon drehen sie eine Runde um Nele herum, kitzeln sie an der Nase und sind wieder weg.
Nele kichert und schwimmt weiter. Das Wasser wird jetzt ganz süß. Ganz anders als zu Hause. Am Ufer stehen Häuser mit roten Dächern, und auf einem Steg sitzt ein Kind mit gelben Gummistiefeln und lässt die Beine baumeln.
Am Nachmittag sind ihre Flossen müde. Aber dann sieht sie sie: die Kräne! Riesig und lang, mit Armen, die bis in den Himmel reichen. Und überall Schiffe, große und kleine, Fähren, Schlepper, Barkassen.
„Der Hafen“, flüstert Nele. „Ich bin wirklich da.“
Sie taucht vorsichtig auf, nur bis zur Nase. Da landet direkt vor ihr etwas Weißes auf einem Poller. Eine Möwe. Sie legt den Kopf schief und schaut Nele an.
„Moin“, sagt die Möwe. „Du bist aber kein Fisch.“
„Nein“, sagt Nele. „Ich bin eine Meerjungfrau. Ich heiße Nele.“
„Ich bin Mats“, sagt die Möwe und plustert sich auf. „Ich weiß alles über den Hafen. Fast alles. Na gut, ziemlich viel.“
Nele muss lachen. Und Mats zeigt ihr den Hafen. Sie schwimmt, und Mats fliegt über ihr her. Sie sehen den großen Kran Karl, der gerade einen roten Container hochhebt. Sie winken der Fähre Frieda zu, die vollbepackt mit Menschen vorbeischaukelt. Und sie sehen einen Kirchturm mit einer großen Uhr, den Michel.
„Der Michel sagt allen, wie spät es ist“, erklärt Mats wichtig.
Nele schaut auf die Uhr. Die Zeiger stehen schon ziemlich weit unten. Der Himmel wird rosa. Und da fällt es ihr ein.
„Oh nein!“, ruft sie. „Ich hab Oma Hedda versprochen, vor dem Abend zurück zu sein! Und meine Flossen sind so müde!“
Mats kratzt sich mit dem Fuß am Kopf. Dann ruft sie: „Ich hab eine Idee! Warte hier!“ Und weg ist sie.
Nele wartet. Das Wasser gluckert. Ein Schiff tutet. Dann kommt Mats zurück – und hinter ihr schaukelt ein kleiner, roter Schlepper heran, mit einem freundlichen Gesicht vorne am Bug.
„Das ist Paul“, sagt Mats. „Paul fährt heute Abend sowieso Richtung Nordsee, um ein großes Schiff abzuholen.“
„Halt dich einfach hinten am Seil fest, Kleine“, brummt Paul. „Ich zieh dich mit.“
Nele kann es kaum glauben. „Danke, Mats! Danke, Paul!“
Sie hält sich am dicken Tau fest, und Paul tuckert los. Tuck, tuck, tuck. Mats fliegt noch ein Stück mit und ruft: „Komm bald wieder, Nele! Ich zeig dir dann die Elbstrände!“
„Versprochen!“, ruft Nele. Und dann ist Mats nur noch ein kleiner weißer Punkt über den Hafenlichtern.
Paul tuckert die Elbe hinunter. Die Sonne geht unter. Die Deiche werden dunkel, die Leuchttürme gehen an, einer nach dem anderen. Blink. Blink. Blink.
Nele liegt auf dem Rücken im Wasser und lässt sich ziehen. Sie schaut in den Himmel, wo die ersten Sterne auftauchen. Ihre Flossen ruhen sich aus.
Als sie die Nordsee erreichen, wartet Oma Hedda schon an der Muschelbank. „Da bist du ja“, sagt sie und nimmt Nele in die Arme. „Und? Wie ist der Hafen?“
Nele gähnt. „Groß“, sagt sie. „Und laut. Und schön. Und ich hab eine Freundin gefunden. Sie heißt Mats und weiß fast alles.“
Oma Hedda lächelt. „Ein Freund im Hafen. Das ist das beste Mitbringsel überhaupt.“
Nele kuschelt sich in ihr Muschelbett. Die Wellen schaukeln sie sanft hin und her. Hin und her.
Weit weg, im Hamburger Hafen, sitzt eine Möwe auf einem Poller und schaut aufs dunkle Wasser.
Und ganz leise, so leise, dass es nur das Meer hören kann, sagen beide zur gleichen Zeit: „Gute Nacht.“



