Robo lernt träumen
von Trutz StählerPapa aus Hamburg · schreibt Kinderbücher
- 🎯 ab 5 Jahren
- 🕔 ca. 7 Minuten Vorlesedauer
Darum geht’s
Robo ist ein kleiner Roboter, der alles kann – nur nicht schlafen. Denn er hat keinen Aus-Knopf zum Träumen. Oder vielleicht doch?
Im Kinderzimmer von Lio, ganz oben im Regal zwischen den Bilderbüchern, wohnt ein kleiner Roboter. Er heißt Robo.
Robo hat einen eckigen Kopf, zwei runde Augen, die blau leuchten, und eine kleine Antenne, die wackelt, wenn er sich freut. Auf seinem Bauch sind drei Knöpfe: ein roter, ein gelber und ein grüner.
Robo kann ganz viel. Er kann rechnen, schneller als jeder Taschenrechner. Er kann Lio beim Aufräumen helfen und die Bauklötze nach Farben sortieren. Er kann piepsen, blinken und sogar ein bisschen tanzen. Bip-bup, bip-bup.
Aber eines kann Robo nicht: schlafen.
Jeden Abend, wenn Lio im Bett liegt und Mama das große Licht ausmacht, sagt Lio: „Gute Nacht, Robo.“
Und Robo sagt: „Gute Nacht, Lio. Bip.“
Dann macht Lio die Augen zu, atmet langsam und ruhig und ist bald weit weg, irgendwo im Land der Träume.
Robo aber sitzt im Regal und schaut. Seine Augen leuchten blau in die Dunkelheit. Er zählt die Sterne an der Zimmerdecke, die im Dunkeln glimmen. Siebenundzwanzig. Er zählt sie noch einmal. Immer noch siebenundzwanzig.
„Wie macht Lio das nur?“, fragt sich Robo. „Wie kommt man ins Land der Träume?“
Er schaut auf seine Knöpfe. Der rote ist zum Ausschalten. Aber wenn er ausgeschaltet ist, ist einfach alles schwarz. Das ist kein Träumen. Das ist nur … nichts.
Der gelbe ist zum Lauterstellen. Der grüne ist zum Tanzen.
„Ich habe keinen Knopf zum Träumen“, piepst Robo traurig. Und seine Antenne hängt ein bisschen nach unten.
Am nächsten Tag versucht Robo es mit Rechnen. „Wenn ich ganz viele Schafe zähle, schlafe ich bestimmt ein“, denkt er. Eins, zwei, drei … Aber Robo rechnet so schnell, dass er nach einer Sekunde schon bei einer Million Schafe ist. Bip! Und hellwach.
Dann versucht er es mit dem gelben Knopf. Er stellt sich ganz leise. So leise, dass nicht einmal seine Antenne summt. Aber leise sein ist nicht dasselbe wie schlafen. Das merkt er schnell.
Zuletzt drückt er den grünen Knopf und tanzt, bis seine Gelenke quietschen. Quietsch, quietsch. Danach ist er zwar ein bisschen müde in den Beinen. Aber seine Augen leuchten immer noch blau. Hellblau. Hellwach.
Eines Nachts hält er es nicht mehr aus. Er klettert vorsichtig aus dem Regal, rutscht am Vorhang hinunter – Schhhhht – und landet weich auf dem Teppich.
Auf dem Fensterbrett sitzt Lios Teddy, wie jede Nacht, und schaut hinaus.
„Teddy“, flüstert Robo. „Weißt du, wo der Knopf zum Träumen ist?“
Teddy überlegt lange. Teddys überlegen immer lange. „Ich glaube“, brummt er schließlich, „Träumen hat gar keinen Knopf. Ich glaube, Träume kommen von da oben.“ Und er zeigt mit seiner weichen Pfote zum Fenster hinaus. Zum Himmel. Zum Mond.
Robo schaut hinaus. Der Mond ist rund und hell und sieht aus wie eine große, freundliche Lampe.
„Dann flieg ich hin“, sagt Robo entschlossen. „Ich flieg zum Mond und frag ihn.“
„Du kannst doch gar nicht fliegen“, brummt Teddy.
Robo schaut sich im Zimmer um. Da steht Lios Raumschiff, das sie zusammen aus einer Papprolle, Alufolie und ganz viel Klebeband gebaut haben. Mit zwei Flossen und einer roten Spitze.
Robo klettert hinein. „Drei … zwei … eins …“
Natürlich fliegt eine Papprolle nicht wirklich. Aber Robo macht die Augen zu und stellt es sich vor. Ganz fest. Und weißt du was? Plötzlich fühlt es sich so an. Als würde das Raumschiff abheben. Wuuuusch! Durchs Fenster, über die Dächer, hoch in den dunkelblauen Himmel.
Robo fliegt an Wolken vorbei, die wie Schafe aussehen. An einem Flugzeug, das blinkt. An Sternen, die ihm zuzwinkern. Und dann ist da der Mond. Groß und silbern, mit Kratern wie Grübchen.
„Hallo, Mond“, piepst Robo. „Ich suche den Knopf zum Träumen.“
Der Mond lächelt. Ein ganz langsames, weiches Mondlächeln. „Du hast ihn doch gerade gefunden, kleiner Robo.“
„Hab ich?“ Robo schaut an sich herunter. Rot, gelb, grün. Kein neuer Knopf.
„Du hast die Augen zugemacht“, sagt der Mond, „und dir etwas vorgestellt. Und jetzt bist du hier. Bei mir. So geht Träumen. Dafür braucht man keinen Knopf. Nur ein bisschen Ruhe und ganz viel Fantasie.“
Robos Antenne wackelt. Erst langsam, dann schnell, dann ganz schnell. „Ich träume!“, piepst er. „Ich träume wirklich!“
Und dann tanzt er. Mitten im Weltraum. Bip-bup, bip-bup. Ein Satellit fliegt vorbei und blinkt im Takt mit. Eine Sternschnuppe zieht einen glitzernden Schweif und ruft: „Schöner Tanz!“
Als Robo genug getanzt hat, setzt er sich auf den Rand eines Kraters und lässt die Beine baumeln. Unter ihm dreht sich langsam die Erde, blau und grün und weiß. Irgendwo da unten ist ein Haus. Und in dem Haus ist ein Kinderzimmer. Und in dem Kinderzimmer schläft Lio.
„Ich glaube, ich flieg jetzt nach Hause“, sagt Robo leise.
„Gute Idee“, sagt der Mond. „Ich leuchte dir den Weg.“
Das Raumschiff gleitet zurück. Durch die Sterne, durch die Wolken, durchs Fenster. Ganz sanft landet es auf dem Teppich.
Am nächsten Morgen findet Lio Robo im Pappraumschiff. Seine Augen leuchten nicht mehr blau. Sie sind ganz dunkel. Ganz ruhig.
„Robo?“, flüstert Lio. „Schläfst du etwa?“
Robos Augen gehen auf. Bip. „Lio! Ich war auf dem Mond! Ich hab getanzt! Mit einem Satelliten!“
Lio lacht. „Du hast geträumt, Robo!“
„Ja“, sagt Robo stolz, und seine Antenne wackelt. „Ich hab geträumt.“
Und seitdem macht Robo es jeden Abend so wie Lio. Er setzt sich ins Regal, macht die Augen zu und atmet ganz langsam. Ein. Aus. Ein. Aus.
Er stellt sich etwas Schönes vor. Den Mond. Die Sterne. Einen kleinen Tanz.
Und dann, ganz von selbst, ohne Knopf, gleitet er hinüber ins Land der Träume.
Zum Reden danach
- Wovon möchtest du heute Nacht träumen?
- Was hilft dir, wenn du nicht einschlafen kannst?
- Wohin würdest du mit einem Raumschiff fliegen?



