Ritter Rasmus und die Angst vor dem Dunkeln

Ritter Rasmus und die Angst vor dem Dunkeln

von Trutz StählerPapa aus Hamburg · schreibt Kinderbücher

  • 🎯 ab 5 Jahren
  • 🕔 ca. 7 Minuten Vorlesedauer
Illustration zur Gute-Nacht-Geschichte „Ritter Rasmus und die Angst vor dem Dunkeln“

Darum geht’s

Rasmus ist der kleinste Ritter der Burg – und nachts knarrt und knackt es überall. Mit Schild, Holzschwert und Laterne macht er sich auf, das Geheimnis der Geräusche zu lüften.

Auf einem grünen Hügel, gleich hinter dem großen Wald, steht eine Burg. Sie hat vier dicke Türme, eine Zugbrücke, die beim Hochziehen „Rattattatt“ macht, und eine Fahne mit einem lachenden Löwen darauf.

In dieser Burg wohnt Rasmus. Rasmus ist ein Ritter. Ein echter Ritter, mit einem Helm, der ein kleines bisschen zu groß ist, einem Schild mit einem Herz darauf und einem Holzschwert, das er selbst geschnitzt hat.

Rasmus ist der kleinste Ritter der ganzen Burg. Aber er ist auch der schnellste beim Treppenrennen, der beste beim Äpfel-Jonglieren und der mutigste, wenn es darum geht, die Burgkatze Mimi von der Mauer zu holen.

Tagsüber hat Rasmus vor gar nichts Angst.

Aber nachts … nachts ist das anders.

Denn nachts, wenn alle Fackeln ausgehen und der Mond durch das schmale Turmfenster schaut, fängt die Burg an zu reden. Es knarrt. Es knackt. Es pfeift. Und manchmal macht es „Pock … pock … pock“, als würde jemand ganz langsam die Treppe hinaufsteigen.

Rasmus liegt dann in seinem Bett, zieht die Decke bis zur Nase und flüstert: „Ich bin ein Ritter. Ritter haben keine Angst.“ Und dann macht es wieder „Knaaarz“. Und Rasmus zieht die Decke bis über die Ohren.

Eines Morgens beim Frühstück gähnt Rasmus so laut, dass sein Helm vom Stuhl fällt. Klonk!

„Na, kleiner Ritter“, sagt die Köchin Berta und stellt ihm einen Becher warme Milch hin. „Schlecht geschlafen?“

Rasmus schaut sich um, ob jemand zuhört. Dann flüstert er: „Berta, in der Burg sind nachts Geräusche. Unheimliche Geräusche.“

Berta lacht nicht. Sie setzt sich neben ihn, wischt sich die mehligen Hände an der Schürze ab und sagt: „Weißt du, was ein richtiger Ritter macht, wenn er etwas nicht versteht?“

Rasmus schüttelt den Kopf.

„Er schaut nach“, sagt Berta. „Mit offenen Augen. Und mit einer guten Laterne.“

An diesem Abend geht Rasmus nicht gleich ins Bett. Er setzt seinen Helm auf, nimmt das Schild mit dem Herz, steckt das Holzschwert in den Gürtel und holt sich bei Berta eine kleine Laterne. Die Flamme darin ist warm und gelb und flackert ein bisschen, als würde sie ihm zuzwinkern.

„Ritter Rasmus“, sagt er leise zu sich selbst, „heute Nacht lüftest du das Geheimnis der Burg.“

Die Burg ist still. Nur das Licht der Laterne tanzt über die alten Steine. Rasmus schleicht den Gang entlang. Tapp, tapp, tapp.

Da – „Knaaarz!“

Rasmus bleibt stehen. Sein Herz klopft ganz schnell. Bumm, bumm, bumm. Das Geräusch kommt von der großen Holztür am Ende des Ganges. Langsam, ganz langsam hebt er die Laterne.

Die Tür bewegt sich. Ein kleines Stück auf, ein kleines Stück zu. Knaaarz. Knaaarz. Und durch den Spalt pfeift ein kühler Wind.

„Ach“, sagt Rasmus und atmet aus. „Das bist ja nur du, alte Tür. Der Wind schaukelt dich hin und her.“

Er schiebt einen Holzkeil darunter, so wie er es beim Schmied gesehen hat. Die Tür hört auf zu knarren. „Gute Nacht, Tür“, sagt Rasmus. Und das fühlt sich schon ein kleines bisschen mutiger an.

Weiter geht es, die Wendeltreppe hinauf zum Nordturm. Da hört er es wieder: „Pfiiiiuuuu …“ Ein langes, hohes Pfeifen, wie ein Gespenst, das ein Lied singen will und den Text vergessen hat.

Rasmus schluckt. Dann geht er weiter. Stufe für Stufe. Oben im Turm ist ein kleines Fenster mit einem Loch im Fensterladen. Und genau da pfeift der Wind hindurch. Pfiiiiuuuu.

Rasmus muss kichern. Er hält einen Finger vor das Loch – das Pfeifen hört auf. Er nimmt den Finger weg – Pfiiiuuu. Finger davor – Ruhe. Finger weg – Pfiiiuuu.

„Du bist gar kein Gespenst“, sagt Rasmus. „Du bist eine Flöte!“ Er stopft ein Stück Stroh in das Loch, und der Turm ist still.

Jetzt fehlt nur noch ein Geräusch. Das allerunheimlichste. Das „Pock … pock … pock“ auf der Treppe.

Rasmus setzt sich auf die oberste Stufe, stellt die Laterne neben sich und wartet. Er wartet lange. Der Mond schaut durchs Fenster. Eine Eule ruft draußen im Wald: Huhuu.

Und dann – pock … pock … pock.

Etwas kommt die Treppe herauf. Etwas Kleines. Rasmus hebt die Laterne, hält das Schild vor die Brust und ruft mit seiner tiefsten Ritterstimme: „Halt! Wer da?“

„Miau“, sagt es.

Im Lichtkreis der Laterne sitzt Mimi, die Burgkatze. Und vor ihren Pfoten liegt ein kleiner, runder Apfel. Mimi stupst ihn mit der Nase an, der Apfel hüpft eine Stufe hinunter – pock –, und Mimi springt hinterher.

Rasmus lacht so laut, dass er sich schnell die Hand vor den Mund halten muss. „Mimi! Du spielst nachts Apfelball auf der Treppe?“

Mimi schaut ihn an, als wollte sie sagen: „Natürlich. Was denn sonst?“

Rasmus rollt ihr den Apfel zu. Mimi fängt ihn mit beiden Pfoten. Dann klettert sie auf seinen Schoß, schnurrt und macht die Augen zu.

Da sitzen sie nun, der kleinste Ritter der Burg und die Burgkatze, ganz oben auf der Treppe. Die Tür knarrt nicht mehr. Der Turm pfeift nicht mehr. Und die Burg fühlt sich gar nicht mehr unheimlich an. Sie fühlt sich an wie ein altes, großes Haus, das ein bisschen schnarcht.

Rasmus trägt Mimi in sein Zimmer. Er stellt das Schild an die Wand, legt das Holzschwert daneben und den Helm auf den Stuhl. Die Laterne lässt er noch ein kleines bisschen brennen.

Dann kriecht er unter die Decke. Mimi rollt sich am Fußende zusammen.

Von draußen hört er den Wind. Ganz leise. Und das ist jetzt kein unheimliches Geräusch mehr. Es ist einfach der Wind, der um die Burg spaziert und den Türmen gute Nacht sagt.

„Ich bin ein Ritter“, flüstert Rasmus. „Und Ritter schauen nach.“

Seine Augen werden schwer. Ganz schwer.

Die Flamme in der Laterne wird klein und kleiner.

Mimi schnurrt. Ganz leise.

Und der kleinste Ritter der Burg schläft ein.

Zum Reden danach

  • Welche Geräusche hörst du nachts bei dir zu Hause?
  • Was hat Rasmus geholfen, mutig zu sein?
  • Wer passt bei dir auf, so wie Mimi bei Rasmus?

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