Die Laterne, die sich vor dem Wind fürchtete
von Trutz StählerPapa aus Hamburg · schreibt Kinderbücher
- 🎯 ab 3 Jahren
- 🕔 ca. 4 Minuten Vorlesedauer
Darum geht’s
Lina die Laterne soll beim Laternenumzug leuchten. Doch draußen weht der Novemberwind – und Lina hat Angst, dass er ihr Licht auspustet.
Auf dem Küchentisch lag eine neue Laterne. Sie war rund und orange, mit einem gelben Mond und drei kleinen Sternen darauf. Jonas hatte sie selbst gebastelt, mit viel Kleber und ein bisschen Hilfe von Papa. Die Laterne hieß Lina.
Lina war sehr stolz. „Heute Abend ist Laternenumzug“, flüsterte sie. „Heute Abend darf ich zum ersten Mal leuchten.“
Doch dann hörte sie etwas am Fenster. Es rüttelte. Es pfiff. Es heulte ein bisschen: Huuuuuh.
„Was ist das?“, fragte Lina erschrocken.
„Das ist der Novemberwind“, sagte der alte Kochtopf auf dem Herd. „Der weht jedes Jahr um diese Zeit über Hamburg. Er kommt von der Elbe herauf und will überall mitspielen.“
Lina wurde ganz blass, so blass eine Laterne eben werden kann. „Und wenn er mein Licht auspustet?“, fragte sie leise. „Und wenn er mich zerknittert? Ich bin doch nur aus Papier.“
Darauf wusste der Kochtopf keine Antwort. Er blubberte nur ein bisschen vor sich hin.
Als es draußen dunkel wurde, zog Jonas seine Mütze auf und seine dicke Jacke an. Papa steckte ein kleines Licht in Lina hinein. Ein elektrisches Lämpchen, das ganz warm und gelb schimmerte. Lina leuchtete. Ihr Mond glühte, und ihre Sterne funkelten.
„Bist du bereit?“, fragte Jonas und hielt den Laternenstab ganz fest.
„Nein“, flüsterte Lina. Aber das hörte Jonas nicht.
Vor der Tür wartete schon der Wind. Er zupfte an Jonas’ Schal und wirbelte ein paar bunte Blätter durch die Luft. Dann kam er näher und stupste Lina an. Lina schaukelte hin und her.
„Oh nein, oh nein“, dachte Lina. „Jetzt pustet er mich aus.“
Aber ihr Licht leuchtete weiter. Es flackerte nicht einmal. Denn das kleine Lämpchen in ihrem Bauch war gut geschützt, und Jonas hielt den Stab ganz ruhig.
Auf der Straße warteten schon die anderen Kinder. Da waren Mia mit einer Igel-Laterne, Emre mit einer Sonnen-Laterne und die kleine Tilda, deren Laterne aussah wie ein Fisch. Alle Laternen schaukelten im Wind. Alle leuchteten.
Dann fingen die Kinder an zu singen: „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne …“
Und während sie sangen und langsam durch die Straßen gingen, merkte Lina etwas Seltsames. Der Wind pustete sie gar nicht aus. Er schaukelte sie nur. Hin und her. Hin und her. Ganz so, als wollte er tanzen.
„Du willst gar nicht mein Licht nehmen“, flüsterte Lina. „Du willst nur mitspielen.“
„Huuuuuh“, machte der Wind. Und diesmal klang es gar nicht mehr unheimlich. Es klang wie ein freundliches Summen, das zum Lied der Kinder passte.
Da hörte Lina auf, sich zu fürchten. Sie ließ sich vom Wind schaukeln und leuchtete so hell sie nur konnte. Und neben ihr schaukelten die Igel-Laterne, die Sonnen-Laterne und die Fisch-Laterne. Eine lange Reihe aus kleinen Lichtern zog durch die dunkle Stadt.
Am Ende des Umzugs gab es warmen Kakao. Jonas hielt Lina noch ein bisschen höher, damit Oma sie von Weitem sehen konnte. Und Oma winkte.
Zu Hause stellte Jonas Lina vorsichtig auf die Fensterbank. Papa knipste das Lämpchen aus. Draußen wehte der Wind noch ein letztes Mal am Fenster vorbei. Ganz leise. Fast wie ein Gute-Nacht-Gruß.
„Bis nächstes Jahr“, flüsterte Lina. Und dann schlief sie ein, mit einem gelben Mond und drei kleinen Sternen auf dem Bauch.
Sonne, Mond und Sterne schlafen jetzt. Und du schläfst auch. Gute Nacht.



