Wichtel Wilbur und das Warten

Wichtel Wilbur und das Warten

von Trutz StählerPapa aus Hamburg · schreibt Kinderbücher

  • 🎯 ab 4 Jahren
  • 🕔 ca. 5 Minuten Vorlesedauer
Illustration zur Gute-Nacht-Geschichte „Wichtel Wilbur und das Warten“

Darum geht’s

Jede Nacht bewacht der kleine Wichtel Wilbur ein Türchen im Adventskalender. Doch das Warten fällt ihm so schwer – bis er entdeckt, wie schön es sein kann.

Hinter dem Adventskalender von Familie Petersen wohnte ein Wichtel. Er war nicht größer als ein Teelöffel, hatte eine rote Zipfelmütze, einen weißen Bart und Schuhe, die bei jedem Schritt leise tapp, tapp machten. Er hieß Wilbur.

Wilbur hatte eine wichtige Aufgabe. Jede Nacht im Dezember musste er ein Türchen bewachen. Immer das Türchen, das am nächsten Morgen geöffnet werden durfte.

In der ersten Nacht war das Türchen Nummer eins. Wilbur stellte sich davor, verschränkte die Arme und hielt Wache. Er war sehr gespannt. „Was wohl dahinter ist?“, murmelte er. „Ein Stern? Ein Schokoladenstückchen? Ein winziges Rentier?“

Er wollte so gern nachsehen. Nur ein klitzekleines bisschen. Aber ein Wichtel, der ein Türchen bewacht, darf es niemals vorher öffnen. Das ist die allerwichtigste Wichtelregel.

Also wartete Wilbur. Er zählte die Sterne, die draußen vor dem Fenster funkelten. Er hörte, wie unten in der Küche der Kühlschrank brummte. Und irgendwann, als der Himmel hellgrau wurde, kam Paula, die Jüngste der Familie, im Schlafanzug ins Wohnzimmer getapst.

Sie öffnete Türchen Nummer eins. Darin war ein kleiner Papierstern zum Aufhängen. Paula strahlte. Und Wilbur, der sich hinter dem Kalender versteckt hatte, strahlte auch.

Aber in der zweiten Nacht fiel das Warten schon schwerer. Und in der fünften Nacht noch mehr. „Es sind noch so viele Türchen“, seufzte Wilbur. „Zwanzig Stück! Das dauert ja ewig.“

In der sechsten Nacht war es besonders schlimm. Draußen fiel der erste Schnee, und Wilbur war so ungeduldig, dass seine Zipfelmütze zitterte. Er tippelte hin und her. Tapp, tapp, tapp. Er setzte sich hin. Er stand wieder auf.

Da hörte er ein leises Knistern. Auf der Fensterbank saß eine alte Wichtelin mit grauen Zöpfen. Sie hieß Oma Frieda und war schon seit vielen, vielen Jahren Türchen-Wächterin.

„Na, Wilbur“, sagte sie und lächelte. „Ist dir das Warten zu lang?“

„Viel zu lang“, sagte Wilbur. „Ich möchte, dass endlich Weihnachten ist. Sofort!“

Oma Frieda klopfte neben sich auf die Fensterbank. Wilbur kletterte hinauf und setzte sich zu ihr. Gemeinsam schauten sie hinaus. Die Schneeflocken tanzten im Licht der Straßenlaterne. Auf dem Fensterbrett gegenüber stand ein Schwibbogen mit kleinen Lichtern. Und irgendwo weit weg tutete ein Schiff im Hafen.

„Weißt du“, sagte Oma Frieda leise, „das Warten ist kein Loch, das man schnell zuschütten muss. Das Warten ist selbst ein Geschenk. Jeden Tag ein kleines.“

Wilbur runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“

„Guck doch mal“, sagte sie. „Heute ist der erste Schnee gefallen. Morgen backt die Familie vielleicht Plätzchen. Übermorgen singen sie vielleicht ein Lied. Wenn du nur an Weihnachten denkst, verpasst du all das.“

Wilbur dachte lange nach. Dann schaute er wieder hinaus. Und auf einmal sah er die Schneeflocken richtig. Wie langsam sie fielen. Wie jede ein bisschen anders aussah. Wie still alles wurde.

Von da an wartete Wilbur anders. Jede Nacht suchte er sich etwas Schönes aus. In der siebten Nacht roch es nach Zimt. In der zwölften Nacht hörte er Papa leise ein Lied summen. In der neunzehnten Nacht sah er, wie Paula im Schlaf lächelte.

Und als endlich die Nacht vor dem vierundzwanzigsten Türchen kam, war Wilbur fast ein bisschen traurig. „Jetzt ist das Warten bald vorbei“, flüsterte er.

Oma Frieda nickte. „Und nächstes Jahr fängt es wieder an. Das ist das Schöne daran.“

Wilbur stellte sich ein letztes Mal vor sein Türchen. Draußen schneite es leise. Der Kühlschrank brummte. Und der kleine Wichtel gähnte so laut, dass seine Zipfelmütze wackelte. Dann lehnte er sich an den Kalender, ganz warm und zufrieden, und schlief ein.

Ein Türchen weniger, ein Traum mehr. Gute Nacht, kleiner Wichtel. Gute Nacht, du.

Zum Reden danach

  • Worauf freust du dich gerade ganz besonders?
  • Was war heute ein kleines schönes Ding, das du entdeckt hast?
  • Wie fühlt sich Warten für dich an?

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