Der Schneemann, der die Sterne sehen wollte
von Trutz StählerPapa aus Hamburg · schreibt Kinderbücher
- 🎯 ab 3 Jahren
- 🕔 ca. 4 Minuten Vorlesedauer
Darum geht’s
Schneemann Kalle steht im Garten und schaut jede Nacht zu den Sternen hinauf. Wie gern würde er sie einmal von Nahem sehen! Zum Glück hat er gute Freunde.
An einem kalten Wintertag bauten Noah und seine Schwester Amira einen Schneemann. Er bekam drei dicke Kugeln, zwei Kohlestückchen als Augen, eine Möhre als Nase und einen gestreiften Schal, der ihm fast bis zu den Füßen reichte. Oben auf den Kopf setzten sie ihm einen alten schwarzen Hut.
„Du heißt Kalle“, sagte Amira und klopfte ihm sanft auf den Bauch. „Pass gut auf unseren Garten auf.“
Kalle nahm seine Aufgabe sehr ernst. Den ganzen Tag schaute er den Spatzen zu, die im Futterhäuschen pickten. Er sah, wie die Nachbarskatze über den Zaun balancierte. Und er hörte, wie in der Ferne die Schiffe auf der Elbe tuteten.
Doch als es Abend wurde und Noah und Amira ins Haus gingen, geschah etwas Wunderbares. Der Himmel wurde dunkelblau. Und dann ging ein Licht an. Und noch eins. Und noch eins. Bis über dem ganzen Garten Tausende kleine Sterne funkelten.
„Oh“, flüsterte Kalle. „Wie schön ihr seid.“
Von da an wartete Kalle jeden Tag auf die Nacht. Und jede Nacht schaute er zu den Sternen hinauf. Er fand einen Stern, der ein bisschen bläulich schimmerte. Er fand einen, der immer ein wenig zwinkerte. Und er fand einen ganz kleinen, der fast unsichtbar war.
„Wenn ich doch nur einmal näher dran sein könnte“, seufzte er. „Nur ein kleines bisschen. Aber ich bin ja aus Schnee. Ich kann nicht fliegen. Ich kann nicht klettern. Ich kann nicht mal laufen.“
Das hörte die alte Eule, die im Apfelbaum wohnte. Sie klapperte mit dem Schnabel. „Warum so traurig, Schneemann?“
„Ich möchte die Sterne von Nahem sehen“, sagte Kalle. „Aber sie sind so weit weg.“
Die Eule überlegte. Dann flog sie davon, ohne etwas zu sagen. Kalle war ein bisschen enttäuscht.
Am nächsten Morgen war es sehr kalt. So kalt, dass Noah und Amira mit roten Wangen in den Garten gerannt kamen. Sie trugen einen großen Eimer Wasser.
„Die Eule hat uns geweckt“, rief Amira. „Sie hat die ganze Zeit ans Fenster geklopft. Und dann haben wir gesehen, wie traurig du guckst.“
„Wir haben eine Idee“, sagte Noah.
Die beiden Kinder holten eine große, flache Schale aus dem Schuppen und stellten sie direkt vor Kalle in den Schnee. Dann gossen sie vorsichtig das Wasser hinein. Und weil es so kalt war, wurde das Wasser ganz langsam zu Eis. Glatt und klar wie ein Spiegel.
„So“, sagte Amira zufrieden. „Jetzt musst du nur warten, bis es dunkel wird.“
Kalle wartete. Die Spatzen pickten. Die Katze balancierte. Die Schiffe tuteten. Und endlich wurde der Himmel wieder dunkelblau.
Kalle schaute nach unten. Und da – in der glatten Eisfläche direkt vor seinen Füßen – funkelten sie. Der bläuliche Stern. Der zwinkernde Stern. Und sogar der ganz kleine, fast unsichtbare. Sie waren ganz nah. So nah, dass Kalle sie fast mit seiner Möhrennase berühren konnte.
„Sie sind zu mir gekommen“, flüsterte er. „Die Sterne sind zu mir gekommen.“
Im Apfelbaum plusterte sich die Eule zufrieden auf. Und hinter dem Fenster drückten Noah und Amira ihre Nasen an die Scheibe und winkten.
Die ganze Nacht schaute Kalle in seinen kleinen Sternenspiegel. Und irgendwann, als der Mond hoch über dem Garten stand, fielen ihm ganz langsam die Kohleaugen zu. Denn auch Schneemänner werden müde, wenn sie glücklich sind.
Über ihm funkelten die Sterne am Himmel. Unter ihm funkelten die Sterne im Eis. Und mittendrin träumte ein Schneemann namens Kalle vom Fliegen.
Sterne oben, Sterne unten – und du mittendrin. Schlaf gut und träum was Schönes.



