Das Einhorn, das seinen Regenbogen verlor

Das Einhorn, das seinen Regenbogen verlor

von Trutz StählerPapa aus Hamburg · schreibt Kinderbücher

  • 🎯 ab 5 Jahren
  • 🕔 ca. 7 Minuten Vorlesedauer
Illustration zur Gute-Nacht-Geschichte „Das Einhorn, das seinen Regenbogen verlor“

Darum geht’s

Einhorn Fiona kann Regenbögen an den Himmel zaubern – bis ihr eines Morgens die Farben fehlen. Zum Glück helfen ihr ihre Freunde, sie wiederzufinden.

Hinter den sieben Hügeln, wo die Wiesen besonders weich sind und die Blumen besonders gut duften, wohnt ein kleines Einhorn. Es heißt Fiona.

Fiona hat ein weißes Fell, eine lockige Mähne und ein goldenes Horn auf der Stirn. Und dieses Horn kann etwas ganz Besonderes: Immer wenn es nach einem Regen die Sonne kitzelt, zaubert Fiona einen Regenbogen an den Himmel.

Rot, orange, gelb, grün, blau und lila. Ein Bogen, so schön, dass alle Tiere auf der Wiese stehen bleiben und staunen. Der Igel hört auf zu schnüffeln, die Hasen hören auf zu hoppeln, und selbst die alte Schildkröte Tilda, die sonst immer müde ist, macht die Augen ganz weit auf.

„Ohhh“, sagen dann alle. Und Fiona ist sehr stolz.

Eines Morgens hat es die ganze Nacht geregnet. Die Wiese glitzert vor lauter Tropfen. Die Sonne kommt hinter den Wolken hervor. Perfektes Regenbogenwetter!

Fiona stellt sich auf den höchsten Hügel, schließt die Augen, hebt das Horn zum Himmel und … pling.

Ein Bogen erscheint. Aber er ist grau. Ganz und gar grau, wie ein alter Wollpullover.

Fiona reibt sich die Augen. Sie versucht es noch einmal. Pling. Wieder grau.

„Oh nein“, flüstert Fiona. „Meine Farben sind weg!“

Sie lässt den Kopf hängen und trottet den Hügel hinunter. Eine dicke Träne kullert über ihre Nase und tropft auf eine Butterblume. Plitsch.

„Was ist denn los, Fiona?“, piepst es da. Aus dem Gras schaut eine kleine Maus. Sie heißt Pepe und trägt immer eine Haselnussschale als Hut.

„Mein Regenbogen ist grau“, schnieft Fiona. „Alle Farben sind verschwunden.“

Pepe denkt nach. Er dreht dabei seinen Nusshut einmal im Kreis. „Farben verschwinden nicht einfach“, sagt er dann. „Die müssen irgendwo sein. Wir suchen sie!“

Und so ziehen sie los: ein Einhorn und eine Maus mit Nusshut.

Zuerst kommen sie zum Rosenbusch. Die Rosen sind rot. Ganz besonders rot heute. „Hallo, Rosen“, sagt Fiona höflich. „Habt ihr vielleicht mein Rot gesehen?“

Die Rosen kichern. Ganz leise raschelt es in ihren Blättern. Und dann schwebt ein kleiner roter Funke aus einer Blüte, tanzt durch die Luft und setzt sich auf Fionas Horn. Pling.

„Ein bisschen Rot hatten wir übrig“, flüstern die Rosen.

Fiona strahlt. „Danke!“

„Eine Farbe haben wir schon“, jubelt Pepe und hüpft auf und ab. „Fehlen nur noch … äh …“ Er zählt an seinen winzigen Fingern ab. „Fünf! Das schaffen wir locker vor dem Abendbrot.“

„Was gibt es denn bei dir zum Abendbrot?“, fragt Fiona.

„Ein Haselnuss-Sandwich“, sagt Pepe feierlich. „Mit extra Haselnuss.“

Weiter geht es. Am Teich schimmert das Wasser so blau wie der Himmel. Dort sitzt Frosch Fridolin auf einem Seerosenblatt. Als Fiona ihm alles erzählt, quakt er: „Blau? Hab ich jede Menge! Das ganze Wasser ist voll davon!“ Er springt hinein – platsch! –, und ein blauer Funke spritzt in die Luft und landet auf Fionas Horn. Pling.

Hinter dem Teich führt der Weg durch einen kleinen Wald. Dort ist es schattig und still. Fiona wird ein bisschen mulmig. „Was, wenn wir die anderen Farben nie finden?“, fragt sie leise.

„Dann suchen wir einfach weiter“, sagt Pepe tapfer und rückt seinen Nusshut zurecht. „Ich hab noch ganz viel Puste. Und du hast vier lange Beine. Das ist zusammen ziemlich viel Suchkraft.“

Fiona muss lachen. Und wie sie so lacht, fällt ein Sonnenstrahl durch die Blätter, genau vor ihre Hufe. Er zeigt den Weg aus dem Wald hinaus. Hinaus auf ein Feld, das so hell leuchtet, dass Fiona blinzeln muss.

Ein Sonnenblumenfeld schenkt ihr Gelb. Die Wiese schenkt ihr Grün. Ein Orangenbaum, der eigentlich gar nicht hierher gehört, aber trotzdem da steht, schenkt ihr Orange. Und der Lavendel am Wegrand schenkt ihr ein wunderbares Lila.

Mit jedem Funken leuchtet Fionas Horn ein bisschen bunter.

„Aber warum waren meine Farben überhaupt weg?“, fragt Fiona, als sie sich auf einem Baumstumpf ausruhen.

Da kommt die alte Schildkröte Tilda langsam angekrochen. Sehr langsam. Sie hat alles gehört.

„Weißt du, Fiona“, sagt Tilda bedächtig, „ein Regenbogen braucht nicht nur Regen und Sonne. Er braucht auch Freude. Und gestern Abend warst du traurig, weil die Hasen ohne dich gespielt haben. Erinnerst du dich?“

Fiona erinnert sich. Sie war wirklich traurig gewesen. Sie hatte allein am Hügel gestanden und gedacht, niemand würde sie mögen.

„Wenn das Herz grau ist“, sagt Tilda, „wird auch der Regenbogen grau. Aber heute hast du gesehen, wie viele Freunde du hast. Die Rosen. Fridolin. Die Sonnenblumen. Und Pepe, der den ganzen Tag mit dir gesucht hat.“

Pepe nickt so heftig, dass ihm der Nusshut über die Augen rutscht.

Fiona spürt, wie es in ihrem Bauch ganz warm wird. Warm und kribbelig und bunt.

Sie läuft auf den höchsten Hügel. Die Sonne steht schon tief, und ein paar letzte Regentropfen hängen in der Luft. Fiona schließt die Augen, hebt das Horn und denkt an all ihre Freunde.

Pling!

Ein Regenbogen spannt sich über die ganze Wiese. Rot, orange, gelb, grün, blau und lila. Größer und leuchtender als je zuvor.

„Ohhhh“, sagen alle Tiere. Die Hasen kommen angehoppelt und rufen: „Fiona! Spielst du morgen mit uns Fangen?“

„Sehr gern“, sagt Fiona. Und ihr Lächeln ist fast so bunt wie ihr Regenbogen.

Langsam wird es Abend. Der Regenbogen verblasst, ganz sanft, Farbe für Farbe. Erst das Rot, dann das Orange, dann das Gelb. Bis nur noch ein zarter lila Schimmer am Himmel liegt.

Fiona legt sich ins weiche Gras. Pepe kuschelt sich in ihre Mähne und zieht seinen Nusshut tief ins Gesicht.

Die Sterne gehen auf. Die Grillen zirpen leise.

Und in Fionas Herz leuchten alle Farben weiter, auch ganz ohne Regenbogen.

Zum Reden danach

  • Was macht dein Herz bunt?
  • Wer hat Fiona geholfen, und wie?
  • Was kannst du tun, wenn jemand traurig ist?

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